Montag, 9. November 2009

Seltsam

Heute vor 20 Jahren gegen 19.30 Uhr haben meine Mutter und ich nach dem Abendbrot den Fernseher angeschaltet, um des Vaters mikrophonhaltende Hand mit dem goldenen Ring in einer Pressekonferenz zu sehen. Während ich also fröhlich die Hand suchte, lauschte meine Mutter etwas interessierter, was Herr Schabowski zu sagen hatte. Und dann hörte auch ich hin, als nach einer merkwürdigen Äusserung ein westdeutscher Kollege meines Vaters direkt nachfragte und ein unsicheres "Ja" die Antwort war. Es war dunkel im Wohnzimmer, nur der Fernseher leuchtete bläulich bräunlich und wir waren ganz still.
Es war nicht ganz eindeutig, was da gesagt worden war. Die Nachrichten aus dem anderen Deutschland um 20.00 waren auch nicht klarer. Mein Vater, der dabei war, konnte nach seiner Rückkehr auch nichts genaueres sagen.
Es war Donnerstag und am darauffolgenden Freitag eine merkwürdige Stimmung in der Schule. Als ich am Samstag zur Schule ging, fehlten bereits einige Schüler in der Klasse, bei meiner Schwester waren nur einige gekommen, in anderen Schulen fehlten sogar die Lehrer. Spätestens da war es jedem klar, dass die zahlreichen Vorbeben dieses Herbstes in ein Erdbeben gemündet waren, welches dem ganzen Staat den Boden unter den Füssen fortriss. Ganz Berlin war an diesem Tag auf den Beinen, meine Familie auf dem Weg von Köpenick nach Steglitz, eine Freundin meiner Mutter besuchend. Berlin war noch geteilt, keine Verkehrsmittel fuhren über diese Grenze, den entscheidenden Schritt musste man noch wochenlang zu Fuss machen. Bis plötzlich wieder Züge auf der Stadtbahn fuhren, sich die Erde auftat und klar wurde, dass unter der Stadt jahrelang U-Bahnen fuhren, die hier in meinem Teil nicht hielten, durch Bahnhöfe, die noch im Zustand der Kriegszeiten waren, deren Eingänge einfach verschlossen worden waren und für uns hier lebende unsichtbar.
Nicht nur, weil ich Teenager war, war das kommende Jahr eines der aufregendsten in meinem Leben. Ich werde nie vergessen, dass alles vergänglich ist und wie leicht und schnell alle Autoritäten und Ideale in den Abgrund gestossen wurden, wie Denkmäler ausgetauscht und Strassennamen geändert wurden. Ich werde mich immer erinnern, wie plötzlich Phänomene wie Existenzangst und Armut umgriffen, wie wir als Familie in wenigen Jahren nahezu ganz Europa bereisten und wie meine Stadt sich verdoppelte und veränderte, von einer Aussenstelle der BRD und einer relativ unbedeutenden Hauptstadt eines kleinen Landes wieder zur gemeinsamen deutschen Hauptstadt wurde.
Diese Erlebnisse in den Schweizer Nachrichten zusammengefasst zu sehen, zu kleinen Teilsätzen Assoziationen zu haben, die anderen wohl für immer verschlossen bleiben, das ist seltsam.

Es hat ein Ende

Seit über einem Monat nur Sechs-Tage-Wochen, die Geburtstagsfeier des Museums und Tag der offenen Tür, verschiedene Sonderveranstaltungen und alles in meiner Verantwortung! Jetzt ist alles gut über die Bühne gegangen, ich bin zwar zu müde, um glücklich zu sein, aber ich bin weder krank noch gefeuert. Ab dem übernächsten Wochenende werden es wieder zwei freie Tage pro Woche werden und ich freue mich so sehr darüber, dass ich mir heute eine Belohnung zugelegt habe.
Ich war in einem der kleinen Handschuhgeschäfte in Basel und habe mir Ersatz gekauft für die, welche ich von meiner Mutter bekam und die ich im letzten Winter in einer Bank habe liegenlassen. Mit persönlicher Bedienung, geschultem Blick auf meine Hände und Anprobehilfe (man kann anscheinend aus nahezu allem eine Show machen) habe ich genau gefunden, was ich wollte: Handschuhe, die die Hände nicht grösser erscheinen lassen, als den Kopf mit unauffälligen Nähten und nicht tailliert am Handgelenk. Ich glaube, nur eine Massanfertigung könnte besser sein. "Handschuhe seit 1865" - das ist ein Teil von dem, was ich an Basel mag, diese ungebrochene Tradition. Ein Berliner Geschäft, welches so lange überdauert hat, muss einem per se suspekt sein.
Manchmal, wenn es einen guten Grund gibt - auch wenn es nahezu dekandet wird, macht Einkaufen eben auch Spass...

Mittwoch, 4. November 2009

Noch 50 Tage

Wie in jedem Jahr in Basel bin ich schockiert über den weihnachtlichen Eifer der selbsternannten Weihnachtsstadt der Schweiz. Ich habe heute auf jeder Seite der Mittleren Bücke je einen Weihnachtsbaum gesehen! Seit wann sie da stehen, kann ich nicht sagen, aber dass sie überhaupt heute schon dort stehen, ist erstaunlich genug! Meiner Meinung nach schmückt man erst nach Totensonntag und mal ganz grundsätzlich: Es sind noch 50 Tage bis Heilig Abend!

Samstag, 31. Oktober 2009

Wahlgänge

Über meine viele Arbeit momentan hab ich vergessen, ein bedeutsames Ereignis hier zu vermelden. Bedeutsam insofern, als dass es zum Teil für deutsche Staatsbürger unverständlich ist. Während die Deutschen am 27. September eine Wahl entschieden, nach welcher eine ostdeutsche Frau zur Bundeskanzlerin, ein Homosexueller zum Außenminister und ein Rollstuhlfahrer zum Finanzminister wurden (was eine nicht zu verachtende Progressivität zeigt), während also die Deutschen zur Wahlurne schritten, taten dies auch die Schweizer. Die vierteljährliche Volksabstimmung behandelte unter anderem die Mehrwertsteuer. Die Schweizer habe an diesem Tag per Abstimmung die Mehrwertsteuer für den Zeitraum 2011 bis 2017 von bisher 7,6% auf 8% angehoben, um die Finanzierung der Invalidenrente zu sichern. Sie haben sich selbst aus freien Stücken für einen höheren Steuersatz entschieden!
Würden Deutsche je so vernünftig entscheiden?

Freitag, 30. Oktober 2009

Assimiliert

Letztes Wochenende habe ich trotz meines Dauerstresses im Museum die Einladung zum Ex-Mitbewohner angenommen und war auf seiner Bachelor-Party (Nein, er heiratet nicht, er hat sein Studium beendet). Während also der Abend in angenehmer Gesellschaft aus bereits bekannten und ein paar neuen Gesichtern sich fröhlich entwickelte und in angeregte Diskussionen mündete, wurde mir schlagartig eine Tatsache klar: Der Chorfreund und ich waren die einzigen Deutschen auf dieser Party! Ansonsten nur Schweizer, die auch mit uns nur Mundart sprachen. In jedem Ratgeber für Deutsche Einwanderer in die Schweiz steht es geschrieben: Sollten Sie jemals Zutritt in die Wohnräume eines Schweizers haben und seinen Freunden vorgestellt werden, bedeutet dies den Ritterschlag!Dem nach kann ich nur sagen Ich habe es geschafft! (und nicht zum erstenmal...) :)

Dienstag, 27. Oktober 2009

Neues Museum versus Opernhaus

Ganz traurig war ich, als ich gehört habe, dass das letzte Museum auf der Spreeinsel am 17.10. ohne mich eröffnet worden ist. Dabei habe ich 2,5 Jahre dort gearbeitet. Jetzt habe ich von meinem Vater eine Marathon-DVD mit allen Dokumentationen bekommen, die auf 3Sat zum Thema gelaufen sind, ich habe in der ZDF-Mediathek schon einiges verfolgt und nun habe ich den virtuellen Rundgang gefunden:
http://www.neues-museum.de/nm/index.html?r=vestibuel
Man kann sich drehen, nach oben und unten schauen, fast so als wäre man vor Ort. Das macht wirklich Spass! Und vielleicht gehen wir mit dem Kunstgeschichtskleeblatt vor Weihnachten gemeinsam und in real mal hin, oder?
Ausserdem ist Basel kürzlich Opernhaus des Jahres geworden und ich habe nahezu alle entscheidenden Inszenierungen gesehen. Das richtet mich ein wenig auf...

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Goldener Haushalt

Angelegentlich meines Referates in einem befreundeten Museum gestern in Zürich habe ich für meinen momentan wegen übermäßiger Arbeit völlig vernachlässigten Haushalt ein Geschenk erhalten.
Die Sammlungsleiterin dort kommt aus Hamburg und in einem unserer ersten Gespräche schimpften wir gemeinsam über den Mangel an Kartoffeln auf schweizerischen Speisekarten.
Jetzt nenne ich ein echtes Designerstück mein eigen, formschön und praktisch, ein Klassiker seit 1948: Der schweizer Kartoffelschäler namens REX. Aber der meine ist vergoldet!

Sonntag, 11. Oktober 2009

Tourist

Die letzten zwei Tage habe ich anstatt in meine angestamten berliner Cafés und Kneipen zu gehen und meinem Leben hier nachzutrauern viel Zeit in zeitgenössischer Architektur verbracht.
Ein Freund ermöglichte mir ein Mittagessen und eine Tour durch die Gebäude des Bundestages (Lüders-Haus, Jakob-Kaiser-Haus, Reichstag, Paul-Löbe Haus), mit irrsinnig klaren, kühl-eleganten Foyers und großzügigen Verkehrsflächen, mit vielen geschichtlichen Spuren und einer sehr aufwendigen Ausstattung, die Materialien und die Möblierungen betreffend. Da standen Corbusier-Möbel neben denen von Mies van der Rohe und Eames oder Mario Bellini. Alles großzügige und lichte Architekturen, die schöne Ausblicke auf Gärten, die Spree und das Kanzleramt bieten. Sehr beeindruckend, aber auch erstaunlich leer.
Einen Tag später hat eine Freundin mich durch ihren Arbeitsort Wolfsburg geführt, eine gut funktionierende Planstadt, die gerademal 70 Jahre alt geworden ist und wesentlich interessanter als ihr Ruf. Die Stadtplanungen der 40er und 70er Jahre sowie die heutigen Eingriffe machen Planungsgeschichte sichtbar. Am interessantesten sind jedoch die von Stararchitekten geplanten öffentlichen Gebäude wie die Bibliothek von Alvar Aalto und das Phaeno-Science-Center von Zaha Hadid und natürlich die Autostadt von VW. Im Verhältnis zur Größe der Stadt gibt es hier eine sehr hohe Dichte an herausragenden Gebäuden. Das Theater von Sharoun haben wir dann gar weglassen müssen...
So ist mein Aufenthalt kein neuerlicher melancholischer Versuch geworden, auf meinen alten Spuren zu wandeln. Nein, ich habe noch viel Unbekanntes sehen können.

Freitag, 9. Oktober 2009

Klare Kühle

Berlin ist mal wieder überraschend. Nachdem wir in Basel am vor wenigen Tagen noch 30°C hatten, ging ich zwei Tage später in Berlin bei gerade mal 4°C aus dem Haus. Es ist ein wenig herbstlicher hier. Aber was für eine Luft! Wegen der umliegenden Berge ist Basel häufig am Morgen etwas diesig und nur selten windig. So klare Luft und so hartes Licht wie in Berlin an solch kalten Tagen gibt es in Basel nie. Dabei ist das eine so besonders schöne Wetterlage!

Berlin, Basel und ich

Ein Berliner in der Fremde

So sieht's aus!

Aktuelles Wetter in Basel:


Temperatur: 8 C
UV Index: 0
Luftfeuchte: 87 %
Sichtweite: 10.0 km
Luftdruck: 1019.0 mb
Windstärke: 13 km/h

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