Grenzgeschichten
So, heute Abend wird der Zug bestiegen, um in einem bayrischen Wallfahrtsort einer Trauung beizuwohnen, auf deren Einladung unter Kleidung von den Gästen Tracht erbeten wurde. Die wenigen, denen solcherlei Kleidungsstücke nicht zur Verfügung stehen, sind auch in schwarzen Anzügen akzeptiert...
Oh, oh...
Nachtreise - 25. Sep, 12:36
Heute habe ich mich auf das bevorstehende Wochenende vorbereitet. Ein Wochenende mit diesmal 2 freien Tagen. Das erste dieser Art in diesem Monat. Da braucht es auch Lebensmittel, die zum Teil eben in Deutschland deutlich billiger sind als in Basel. Zwei Tage à drei bis vier Mahlzeiten, dazu das Abendessen am heutigen Freitag - da habe ich doch glatt mal 2,5 kg Fleisch eingekauft. Das sind ganze 2 kg mehr als ich eigentlich zollfrei über die Grenze bringen darf. Da ich aber nicht täglich 500g mitnehme, werde ich ob meiner fleischlichen Gelüste immermal wieder zum Schwerenöter...
Nachtreise - 18. Sep, 20:06
Habe am Montag meinen Wahlbrief und die von zwei deutschen Freunden in Basel über die Grenze getragen und bei der deutschen Post eingeworfen, die diese Briefwahlunterlagen kostenfrei an unsere letzten Heimatorte nach Berlin, Nürnberg und Weimar transportiert...
Päckchen darf man wegen des möglicherweise für den Zoll interessanten Inhalts nicht einfach so über die Grenze bringen und im Nachbarland aufgeben, obwohl das viel billiger ist, aber ich nehme an, an Briefen hat der Zoll wohl kein gesteigertes Interesse.
Nachtreise - 2. Sep, 17:11
Ich bin deutscher Staatsbürger und wahlberechtigt. Weil ich meinen Wohnsitz nicht mehr im Innland habe, bin ich sogenannter Auslandsdeutscher und kann somit leider nicht mehr an Kommunal- oder Landeswahlen teilnehmen, aber immerhin an der Bundestagswahl.
Da diese schon im September stattfindet, wird es Zeit, sich mal um die Formalitäten zu kümmern. Darauf machte am Wochenende auch eine viertelseitige Werbeannonce in der Neuen Züricher Zeitung aufmerksam mit kurzer Annleitung, wo man den Antrag bestellt. Für alles was dann folgt, war die Anzeige leider zu klein. Aber ich liefere hier mal einen Erfahrungsbericht...
Als erstes muß man auf den Internetseiten der deutschen Botschaft in Bern einen Antrag auf Aufnahme ins Wählerverzeichnis runterladen. Dann den Antrag ausfüllen. Zu der einen von mir auszufüllenden Seite gibt es wie zur Steuererklärung eine dreiseitige Anleitung. Ich werde zum Beispiel darauf hingewiesen, daß ich mich im Gastland erkundigen soll, ob mir aus der Teilnahme an der Bundestagswahl in Deutschland Nachteile entstehen könnten. Weißt die Schweiz mich aus, wenn ich in irgendeiner Weise den hier ungeliebten deutschen Finanzminister mit meiner Wahl unterstützen würde?
Jedenfalls geht es weiter mit den Sonderbestimmungen für Seeleute, die offensichtlich einen eigenen Paragraphen in der Bundeswahlordnung haben (§17 Abs. 2 Nr. 5 BWO). Dabei ist bei der Beantwortung der Fragen immer wieder entscheidend, ob man unter Flagge der Bundesrepublik Deutschland oder unter fremder Flagge fährt oder ob sie auf einem Seeschiff gemustert waren, das die Bundesflagge zu führen berechtigt war und danach nur noch auf Schiffen unter fremder Flagge fahren.
Ich bin aber kein Seeleut, daher ist der Antrag einfacher auszufüllen, als die Anleitung glauben läßt.
Ich muß nur wissen, ob ich Deutscher im Sinne des Artikels 116 Abs. 1 des Grundgesetzes bin - davon gehe ich mal aus - , ob ich eventuell vom Wahlrecht ausgeschlossen bin und zwar infolge Richterspruchs, wenn für die Besorgung meiner Angelegenheiten ein Betreuer nicht nur durch einstweilige Anordnung bestellt ist oder ich mich auf Grund einer Anordnung (nach § 63 in Verbindung mit § 20 des Strafgesetzbuches) in einem psychatrischen Krankenhaus befinde. Das alles trifft wohl eher nicht zu.
Nun nur noch schauen, wann ich mich in Berlin abgemeldet habe und was meine zuständige Behörde bis dahin war. Dorthin muß ich den Antrag senden, um hoffentlich bald die Briefwahlunterlagen zugesand zu bekommen. Am Ende unterschreibe ich noch die Versicherung an Eides statt, nicht ohne nocheinmal auf die Strafbarkeit einer falsch abgegebenen Versicherung an Eides statt hingewiesen zu werden.
Man muss sich eben auch um die Wahrung seiner Rechte als Staatsbürger bemühen, auch als Auslandsdeutscher.
Nachtreise - 19. Aug, 14:11
Seit der Wirtschaftskrise ist der Franken immer stärker geworden, der Euro hat im Vergleich an Wert verloren. Für jemanden, der in Deutschland verdient und das Geld viel in der Schweiz ausgibt, ist es nicht die beste Kursveränderung gewesen. Als ich heute für die monatlichen Rechnungen ein paar Abhebungen tätige, ist der Kurs endlich endlich mal wieder über 1,- Euro : 1,49 CHF, nämlich bei 1:1,54!
Juhuu!
Nachtreise - 26. Jun, 13:26
Wie kann man doch produktiv sein, wenn man nicht zum Geldverdienen vor die Tür muß. Ich habe einen Haufen Wäsche gemacht, dazu Fenster geputzt und den Schreibtisch aufgeräumt, das heißt, die Stapel durchsortiert und ne Menge im Papiermüll abgelegt (was wiederum heißt, ich habe alles in Packeten auf den Balkon gestellt, denn Papiermüll kann man hier nicht wegwerfen wann man will wie in Berlin, nein, er wird einmal im Monat abgeholt) ...
Das Beste jedoch ist, daß ich meine Steuererklärung für den Schweizer Bund und den Kanton Basel Stadt gemacht habe. Ich bin superstolz, daß ich es nur zwei Wochen nach Ablauf der Frist geschafft habe. Jetzt kann ich mich an meine deutsche Steuererklärung machen. Ich habe also die normalen monatlichen Steuerabzüge in Deutschland, die mich ja trotzdem nicht vor einer jährlichen Steuererklärung bewahren, und zahle außerdem die üblichen Steuern in der Schweiz, die aber nur einmal für's ganze Jahr nach der Steuererklärung erhoben werden. Nach diesen zwei Steuererklärungen fülle ich dann aufgrund des Doppelbesteuerungsabkommens zwischen beiden Ländern auch noch je ein Sonderformular aus, womit ich die zuviel gezahlten Steuern zurückerstattet bekommen sollte...
Tja, mühsam und gleich vier mal ein ähnliches Prozedere, aber das ist der Preis, wenn man in einem anderen Land lebt als man arbeitet.
Und wieder sehr schöne Helvetismen im Schweizer Amtsdeutsch: Eine uneheliche Lebensgemeinschaft wird Konkubinatsgemeinschaft gennannt!
Nachtreise - 15. Mai, 19:32
Nein, ich bin gesund. Um mich herum gibt es ab und an Krankheitsfälle, im Museum, im Freundeskreis. In einem solchen Dreiländereck hat man ja eine erstaunliche Auswahl an Ärzten und Krankenkassen. Ich zum Beispiel bin in Deutschland versichert, kann aber alle in Deutschland "normalen" Leistungen in der Schweiz in Anspruch nehmen, obwohl z.B. in Schweizer Krankenversicherungen grundsätzlich nie Zahnarztbesuche eingeschlossen sind. Der Chorfreund ist ein Deutscher und in der Schweiz versichert. Er muß für jeden Arztbesuch zahlen. Einmal ins Ohr schauen 50 CHF zum Beispiel. Für seine Zahnschmerzen habe ich ihm einen Besuch bei meinem deutschen Zahnarzt vorgeschlagen. Es muß ja einen Grund haben, warum es in Weil am Rhein so viel mehr Zahnärzte gibt, als es für diese kleine Stadt notwendig wäre (oder sollte es hier im Süden genetisch bedingte Defekte geben?). Jedenfalls hat dieser Besuch nur 24 CHF gekostet. Da wird also nicht nur das Schweizer gesundheitswesen nach und nach von Deutschen übernommen, nein, die Dienstleistungen werden aufgrund des Preisgefälles auch noch "outgesourced", wie auch zwischen Deutschland und Polen zu beobachten.
Aber es geht noch weiter. Die lustige Französin hat eine Entzündung am Finger. Das Gesundheitssystem Frankreichs funktioniert zentralistisch. Sie muß den Termin nehmen, der ihr vom Arzt angeboten wird, sie kann nicht mitbestimmen und obwohl sie in Frankreich auch immer gleich (wie in der Schweiz) zur Kasse gebeten wird, kommt sie sich vor, als würde sie in der Praxis nur stören. Wir schlagen ihr vor, in Deutschland zum Arzt zu gehen. Sie sucht einen passenden Termin mit der Arzthelferin aus, wird behandelt und zahlt nichts, weil hier die französische Kasse übernimmt, was sie im eigenen Land nicht zahlt. Ist doch klar, wo sie in Zukunft medizinisch versorgt wird, oder?
Da hebeln sich in solch einer Grenzsituation die nationalen Bürokratien gegenseitig auch im Gesundheitswesen aus.
Nachtreise - 10. Apr, 13:24
Kranke Schweizer haben höhere Kosten als kranke Deutsche, dafür haben gesunde Deutsche höhere Kosten als gesunde Schweizer. In der Schweiz kann man sich seine Versicherungsbeteiligung in gewissem Rahmen selbst aussuchen. Das bedeutet, daß man unter Umständen sehr niedrige Monatsbeiträge leisten muß, dementsprechend bei Arztbesuchen einen hohen Selbstkostenanteil trägt oder umgekehrt. Dieser wird bei Abschluß der Versicherung festgelegt und kann mehrere Tausend Franken umfassen. Die Idee wie in Deutschland zum Arzt zu gehen und nichts zu zahlen (okay, die Praxisgebühr existiert ja immer noch) gibt es in der Schweiz nicht. Zudem kann man sich seinen Arzt auch nur in sehr geringem Umfang selbst aussuchen und dann nicht so leicht wechseln, wie das in Deutschland der Fall ist. Noch schlimmer in Frankreich. Meine französischen Kollegen sagten mir, daß die Patienten in guter französischer Tradition den Ärzten zentral zugeteilt würden. Undenkbar für uns, oder?
Bei Zahnarztbesuchen ist der Unterschied Schweiz-Deutschland besonders deutlich. Die gesetzliche Krankenversicherung übernimmt in der Schweiz keine zahnärztlichen Leistungen. Wenn wir Deutschen uns über die Zuzahlungen zum Zahnersatz aufregen, so müssen Schweizer, die zur gesetzlichen Versicherung keine Zusatzversicherung abgeschlossen haben, die gesamten Kosten für Brücken u.ä. selbst zahlen!
Glücklicherweise ist man beim Arbeitgeber und nicht am Wohnort versichert, daher habe ich höhere monatliche Kosten, muß aber für meine zerbröselte Füllung nicht plötzlich die Weihnachtsgeschenke für die Familie streichen. Ich gehe also auch in Deutschland zum Arzt. Das kleine Städtchen Weil am Rhein wimmelt gerade so vor Zahnärzten. Sie residieren häufig in großzügigen Villen mit kiesbelegten Einfahrten und einer kleinen Baumallee auf das Haus zuführend. Die wenigsten haben Sprechstundenzeiten, die meisten arbeiten "nach Vereinbarung". In manchen Praxen sagt man am Empfang ganz offen, daß nur Patienten aus der Schweiz aufgenommen werden. Ich ahne, wie es zu diesen Zahnarztvillen kommt, schließlich sind die Schweizer hier so einträglich wie Privatpatienten und Basel bietet ausreichend Klientel, welches seine dentalen Probleme ins Nachbarland exportiert, weil wahrscheinlich vor allem die Protesen u.ä. um einiges preiswerter sind als zuhause. Ich habe es trotzdem in eine solche Praxis geschafft und durfte bei der Behandlung von meinem Stuhl im Erker des Erdgeschosses in den parkarigen Garten und auf den Springbrunnen unter alten Nußbäumen schauen. Wenn ich da an das infantile Deckenbild meiner Köpenicker Dentistin denke... Trotzdem: Zahnarztbesuch bleibt Zahnartzbesuch.
Nachtreise - 5. Sep, 19:32
Mal eine Grenzgeschichte aus Frankreich. Als eifriger
Karabolage-Gucker und Dreiländereckbewohner habe ich nicht nur Interesse an deutschen und schweizerischen Eigenheiten, auch das dritte Land 1 km von mir beschäftigt mich ab und an. Sowohl in der Schweiz als auch in Frankreich wird zur Begrüßung nicht die Hand gegeben oder ohne Körperkontakt eine Grußformel gebrubbelt wie in Deutschland, nein, man durchbricht die persönliche Individualdistanz des Gegenüber. Aber nicht für eine Umarmung!!! Auch unter Freunden ist eine Umarmung, obwohl in Deutschland selbstverständlich, in der Schweiz eher unüblich. Der Schweizer Freund hat sich oft genug darüber beschwert. Nein, stattdessen nähern sich die Köpfe und man küßt. Links, rechts (, links)! Auch völlig Fremde, wenn sie einem gerade erst vorgestellt worden sind! Unglaublich. Da kommen dann noch Feinheiten hinzu. Wie oft küßt man wen? In der Schweiz gewöhnlich 2-3 mal, anscheinend kann es in Frankreich sehr variiren und angeblich wissen nicht einmal echte Franzosen, wie man das genau zu handhaben hat, da es auch noch regionale Unterschiede gibt. Zumindest für die Grande Nation gibt es inzwischen eine Internetseite, wo man abstimmen und nachschauen kann, was im jeweiligen Departement üblich ist.
Hier der Link. Aber, ich bin trotz großem Integrationswillen noch lange nicht soweit, jedweden einfach auf die Wange zu küssen und habe die Schweizer Freunde mehrheitlich zur Umarmung gebracht... Die armen erleben sowas einfach zu selten. Und die Fremden müssen sich bei mir vorerst mit nem Händedruck begnügen.
Nachtreise - 28. Aug, 11:19
Frankreich spielt in meinem Leben im Dreiländereck bisher eher eine untergeordnete Rolle. Wenn man mit dem Auto zu mir kommt und sich nur leicht verfährt, landet man schnell mal an einem Bienvenue-Schild, aber das passiert mir nun weniger. Sicher, im Museum merken wir die französischen Ferien deutlich und am Samstag sind in Basel die Geschäfte voller Frogs und ich habe auch schon Ausflüge ins Nachbarland unternommen. Bis auf die Tatsache, daß ich bei schlechtem Wetter ab und an in meiner Wohnung via SMS in Frankreich begrüßt werde (weil das Mobilnetz dann vom schweizer Anbieter zum französischen wechselt, ohne daß ich mich bewegt hätte), verdränge ich die Nähe zu Frankreich gewöhnlich ein wenig.
Gestern Abend aber, als wir in lustiger Plauderrunde bei mir saßen, fängt es draußen plötzlich zu knallen an. Klingt wie Feuerwerk. Ist auch eines, aber nicht wie gedacht über Basel sondern über St. Louis, der französischen Nachbarstadt. Dort wird am Montag der Nationalfeiertag (14.07.) begangen und anscheinend im Vorfeld schon mal ordentlich geknallt und das beste: Wir konnten es bequem von meinem Wohnzimmer aus verfolgen. Das nächste Feuerwerk ist dann erst wieder in zwei Wochen, zum Nationalfeiertag der Schweiz am 1. August. Was für 'ne kleine Welt!
Nachtreise - 13. Jul, 11:27