Schweizer Leben

Donnerstag, 15. April 2010

Das Heidi

Nachdem die EU der Schweiz in der Libyenkrise weniger Unterstützung als erwartet entgegengebracht hat, nachdem alle Welt die Schweizer wegen der Befürwortung des Minarettverbotes für Rassisten hält, nachdem der Finanzplatz Schweiz in seinen Grundfesten erschüttert worden ist durch Bankenkrise und Gefährdung des weitreichenden Bankgeheimnisses, nachdem Zürich die für wohlhabende Einwohner so günstige Pauschalbesteuerung aufgehoben hat, nachdem die die USA wegen der Auslieferung Polanskis wieder weiteren Druck ausübt, wird seit einer Woche ein literarisches Nationalheiligtum demontiert.

Nein, nicht Wilhelm Tell, der tapfere Schweizer. Der ist von dem Deutschen Friedrich Schiller verewigt worden, also keine genuin schweizerische Nationalliteratur. Das liebe kleine Almmädel Heidi hat es getroffen, welches von Johanna Spyri 1880 und 1881 mit "Heidis Lehr- und Wanderjahre" und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" bekannt wurde. Nicht genug, daß dieses Buch, welches das Leben in den Schweizer Bergen idealisiert, als erstes im deutschen Gotha verlegt wurde und die Erstausgabe daher mit einigen Hochdeutschen/Schriftdeutschen Änderungen erschienen ist, die erste Verfilmung stammt auch noch aus den USA und die bekannteste ist nicht etwa eine der schweizer oder wenigstens der deutschen Versionen, nein, ein japanischer Zeichentrickfilm hat den größten Erfolg bis heute.
In der vergangenen Woche kommt es noch härter. Es stellt sich gar heraus, daß die Schauspielerin der schweizer Heidifilme der 50er Jahre einen deutschen Vater hat und somit wie der Blick (ein schweizer Pendant der deutschen Bild-Zeitung) titelt keine Schweizerin ist. Außerdem ist der deutsche Literaturwissenschaftler Peter Büttner auf eine 50 Jahre ältere deusche Vorlage gestoßen, welcher sich Johanna Spyri bedient haben könnte. Sie handelt von Adelaide, die wie Adelheid (wie Heidi mit Taufnamen heißt) von ihrer Heimat in den Bergen fortgeholt wird und nachdem sie Heimweh bekommt zurückkehren darf.

Diese Affäre hat sich in den Boulevardzeitungen und Fernsehsendungen derartig hochgeschaukelt, daß sich auch die größte Schweizer Tageszeitung, die Neue Züricher Zeitung, genötigt sah, heute in ihrem Feuileton einen längeren Artikel dazu zu verfassen.
Zu finden ist er unter: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die_maer_vom_ur-heidi_1.5448506.html
Vernichtend werden alle Gegenargumente mit höchst wissenschaftlicher Attitüde geschlagen und das Heidi als Nationalheldin zurückerobert.

Eine schöne Geschichte ist es allemal, die von Spyri und die vom Streit um die Vorwürfe des Plagiats. Daß dieser Fall eine solche Aufregung hervorruft, mag befremden oder belustigen, er zeigt jedoch auch, wie wichtig hierzulande die Abgrenzung zu Deutschland zu sein scheint und wie sehr man die Vereinnahmung von Schweizer Persönlichkeiten durch die größeren Nachbarstaaten gewohnt ist. Beispiele sind unter anderem Dürrenmatt, Le Corbusier oder Giacometti.
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Das Luxemburgerli des Monats

...ist Eierlikör. Gar nicht so eklig, wie es klingt. Bailys letzten Monat fand ich so gar nicht gut... Unerreicht noch immer die Lavendelvariante im Sommer 2008...

Bei den Truffes de Jour gibt es diesen Monat eine sehr dunkle Sorte, Grand Cru... hmmm.
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Donnerstag, 1. April 2010

Aprilscherz

In Basel werden Strom und Gas von einer Firma, der IWB, angeboten, so dass man anders als früher in Berlin nur eine Rechnung zu zahlen hat. Diese Rechnung kommt auch nur dreimal im Jahr alle vier Monate, nicht alle zwei Monate wie in Berlin. Heute kam die Abrechnung des letzten Jahres mit der Auflistung meines Verbrauchs und der Auflistung dessen, was ich gezahlt habe. Beide Seiten waren extrem ungleich. Ich habe im letzten Jahr deutlich zuviel gezahlt und muss nun im kommenden Jahr voraussichtlich keine Kosten für Strom oder Gas zahlen!
Großartig und hoffentlich kein Scherz!
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Mittwoch, 3. März 2010

Fasnacht

Die Fasnacht in Basel, wie immer eine Woche nach dem Karneval in Köln und allen anderen Orten, ist nun über eine Woche Vergangenheit. Ich habe gelernt, dass sie eine Woche später stattfindet, weil Basel evangelisch ist, nach der Reformation aber vom Karneval nicht lassen konnte. Hier findet der wohl einzige evangelische Karneval der Welt statt. Vielleicht wirft man bei den Umzügen deshalb auch nicht nur Bonbons sondern auch Kartoffeln, Möhren, Hühnerkrallen in die jubelnde Menge. Einfach, um den Spass nicht Überhand gewinnen zu lassen. Man muss sich in Basel auch als Zuschauer nicht verkleiden, ob man deshalb auch nicht jeden küssen darf wie in Köln weiss ich nicht. Hier kann man sich ja auch nicht durch die Beichte reinigen, alles bleibt auf der Liste mit den Minuspunkten. Ausserdem habe ich gelernt, dass die Mehlsuppe, die man nach dem Morgestraich am Montag um 4 Uhr geniesst auch gut schmecken kann und dass auch Leute in meinem Alter sich verkleiden und zu zweit als sogenanntes Schissdreckzüegli mitmischen...
Und: Ich habe heute ein Räppli (ein Konfetti) in meinem Schlafzimmer gefunden!
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Haushalte

Während Deutschland momentan eine Staatsverschuldung von 79,3 Milliarden Euro ausweist und damit die Maastricht Regeln für die Neuverschuldung in der EU überschreitet, hat die Schweiz in der vergangenen Woche einen Haushaltsüberschuss von 17 Milliarden CHF, also etwas über 10 Milliarden Euro, für das vergangene Krisen- und Rezessionsjahr ausgewiesen.
Trotzdem wurden einen Tag später die staatlichen Sparmassnahmen bekanntgegeben.
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Freitag, 4. Dezember 2009

Von Kirchtürmen und Minaretten

Am vergangenen Sonntag hat das Schweizer Stimmvolk einmal mehr abgestimmt. Doch die Stimmen wollen nicht verklingen. Die SVP hatte eine Initiative zur Abstimmung gebracht, nach welcher der Bau von Minaretten in der Schweiz bundesweit verboten werden sollte. Schon die Plakatwerbung hierfür war von der Menschenrechtskommission gerügt worden. Ein Teppich auf welchem Minarette wie Raketen nebeneinander stehen, im Vordergrund eine Frau, die von einer Burka komplett verhüllt ist. Oder: ein raketenartiges Minarett, welches die schweizer Landkarte durchbohrt und zerstört. Diese Art von politischer Werbung in Form von Piktogrammen an sich ist jedes Mal aufs neue ein Unding. Es ist irgendwie spannender als die immer gleich lächelnden Konterfeis der Politiker zu sehen, die Verkürzung der Inhalte auf ein Bild ist aber schlimmer als jede Polemik es sein könnte. Die Schweizer haben diese Initiative mehrheitlich mit 57 % angenommen.
Einzige Ausnahme die Kantone Genf, Neuchatel, Basel und Waadt, eher städtische Kantone in der Westschweiz. Selbst in Zürich wurde die Initiative, wenn auch knapp, angenommen. Die Schweizer Regierung hatte als Empfehlung die Ablehnung dieser Initiative ausgegeben. Nun muss sie die Weltöffentlichkeit wieder versöhnen. Libyen hat, auch im Zuge der schon länger andauernden Krise seiner bilateralen Beziehungen zur Schweiz, bei der Uno beantragt, deren Hauptsitz von Genf wegzuverlegen, da die Schweiz für die muslimischen Länder kein neutraler Boden mehr sei.
Natürlich haben die Schweizer den Bau von Minaretten mit der Unterstützung islamistischer Fundamentalisten verwechselt, die Frage der Stunde sollte also lauten, bis wohin ist Basisdemokratie sinnvoll? Wir Deutschen schauen immer neidisch auf dieses Recht der Schweizer und ich bin nicht sicher, wie man diese Frage in Deutschland beantworten würde.

Gleichzeitig wurde über ein Verbot des Exportes von Kriegsmaterial abgestimmt. Plakate mit einem vielleicht bald arbeitslosem Fliessbandarbeiter in einer Waffenfabrik haben die Schweizer zugunsten der Exporte und gegen ihr Verbot stimmen lassen. Hier waren sich bis auf Lausanne alle Abstimmungsbezirke einig.

Ein Sonntag mit zwei zeichenhaft lesbaren Abstimmungsergebnissen, die sicherlich nicht jedem gefallen. Ist nicht allein die Möglichkeit über solch sensible Fragen abzustimmen schon der Fehler?
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Samstag, 31. Oktober 2009

Wahlgänge

Über meine viele Arbeit momentan hab ich vergessen, ein bedeutsames Ereignis hier zu vermelden. Bedeutsam insofern, als dass es zum Teil für deutsche Staatsbürger unverständlich ist. Während die Deutschen am 27. September eine Wahl entschieden, nach welcher eine ostdeutsche Frau zur Bundeskanzlerin, ein Homosexueller zum Außenminister und ein Rollstuhlfahrer zum Finanzminister wurden (was eine nicht zu verachtende Progressivität zeigt), während also die Deutschen zur Wahlurne schritten, taten dies auch die Schweizer. Die vierteljährliche Volksabstimmung behandelte unter anderem die Mehrwertsteuer. Die Schweizer habe an diesem Tag per Abstimmung die Mehrwertsteuer für den Zeitraum 2011 bis 2017 von bisher 7,6% auf 8% angehoben, um die Finanzierung der Invalidenrente zu sichern. Sie haben sich selbst aus freien Stücken für einen höheren Steuersatz entschieden!
Würden Deutsche je so vernünftig entscheiden?
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Donnerstag, 22. Oktober 2009

Goldener Haushalt

Angelegentlich meines Referates in einem befreundeten Museum gestern in Zürich habe ich für meinen momentan wegen übermäßiger Arbeit völlig vernachlässigten Haushalt ein Geschenk erhalten.
Die Sammlungsleiterin dort kommt aus Hamburg und in einem unserer ersten Gespräche schimpften wir gemeinsam über den Mangel an Kartoffeln auf schweizerischen Speisekarten.
Jetzt nenne ich ein echtes Designerstück mein eigen, formschön und praktisch, ein Klassiker seit 1948: Der schweizer Kartoffelschäler namens REX. Aber der meine ist vergoldet!
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Dienstag, 8. September 2009

Die Schweiz zerschlagen

Ich weiß nicht, wie viel man in Deutschland davon mitbekommt, aber in der Schweiz geht es zur Zeit hoch her. Letzte Woche kam es zum bisherigen Höhepunkt der schon über ein Jahr andauernden Libyenkrise. Es war bekannt geworden, daß der Libysche Staatschef Muammar al-Gaddafi bei der UNO den offiziellen Antrag gestellt hatte, die Schweiz unter ihren Nachbarstaaten Deutschland, Frankreich und Italien aufzuteilen. Eine unglaubliche, nahezu satirische Forderung in meinen Augen. Die UNO konnte anhand ihrer Statuten, die ein derartiges Vorgehen gegen einen Mitgliedsstaat ausschließen, eine offizielle Abstimmung über diesen Antrag abwenden.
Aber da werden die Urängste der Schweizer schwer getroffen, als kleines sprachlich zersplittertes Land umringt von größeren Nationalstaaten ist das wohl von jeher eines der Schreckensszenarien.
Das Ganze hatte natürlich einen Vorlauf, als im Juni 2008 Gaddafis Sohn Hannibal mit seiner Verlobten in Genf weilte und bei der dortigen Polizei ein Hilferuf einging, daß die beiden mehrere Angestellte verprügelt hätten. Bei ähnlichen Delikten in Paris und Spanien haben die Leibwächter von Hannibal die jeweiligen Polizeitruppen abwehren können, in Genf siegte aber die dortige Polizei, befreite die Opfer und inhaftierte Hannibal.
Darauf hin drehte Libyen den Ölhahn für die Schweiz zu, ließ Flüge aus der Eidgenossenschaft nicht mehr landen, entzog schweizer Firmen in Libyen die Konzessionen und nahm zwei schweizer Geschäftsleute fest, die bis heute nicht ausreisen durften.
Ab 15. September hat Libyen übrigens die Leitung der UNO inne.
Hier hat die gesamte Affäre wieder den Zusammenhalt zwischen den bünzligen Deutschschweizern, den alternativen Romands und den anarchistischen Tessinern gestärkt.
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Montag, 24. August 2009

Völlig klar!

Wenn ich mich im Winter auch ab und an über Oleander, Palmen und sogar Bananenstauden als feste Pflanzungen (nicht in Kübeln!)in den Vorgärten wundere, so ist mir bei diesen Temperaturen momentan sehr wohl klar, daß diese Pflanzungen eigentlich ganz naheliegend sind. Die Schweiz hat nicht rund ums Jahr mit Schneemassen zu kämpfen, im Gegenteil: Es gibt äußerst heiße Regionen. Basel ist eine davon.
Die Saisoneröffnung der Basler Symphoniker am Sonntag mit einem Konzert im Stadtcasino (so bezeichnen Basel und andere schweizer Städte ihren Konzertsaal) geriet da zu einer reinen Schwitzkur.
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Berlin, Basel und ich

Ein Berliner in der Fremde

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