Das Heidi
Nachdem die EU der Schweiz in der Libyenkrise weniger Unterstützung als erwartet entgegengebracht hat, nachdem alle Welt die Schweizer wegen der Befürwortung des Minarettverbotes für Rassisten hält, nachdem der Finanzplatz Schweiz in seinen Grundfesten erschüttert worden ist durch Bankenkrise und Gefährdung des weitreichenden Bankgeheimnisses, nachdem Zürich die für wohlhabende Einwohner so günstige Pauschalbesteuerung aufgehoben hat, nachdem die die USA wegen der Auslieferung Polanskis wieder weiteren Druck ausübt, wird seit einer Woche ein literarisches Nationalheiligtum demontiert.
Nein, nicht Wilhelm Tell, der tapfere Schweizer. Der ist von dem Deutschen Friedrich Schiller verewigt worden, also keine genuin schweizerische Nationalliteratur. Das liebe kleine Almmädel Heidi hat es getroffen, welches von Johanna Spyri 1880 und 1881 mit "Heidis Lehr- und Wanderjahre" und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" bekannt wurde. Nicht genug, daß dieses Buch, welches das Leben in den Schweizer Bergen idealisiert, als erstes im deutschen Gotha verlegt wurde und die Erstausgabe daher mit einigen Hochdeutschen/Schriftdeutschen Änderungen erschienen ist, die erste Verfilmung stammt auch noch aus den USA und die bekannteste ist nicht etwa eine der schweizer oder wenigstens der deutschen Versionen, nein, ein japanischer Zeichentrickfilm hat den größten Erfolg bis heute.
In der vergangenen Woche kommt es noch härter. Es stellt sich gar heraus, daß die Schauspielerin der schweizer Heidifilme der 50er Jahre einen deutschen Vater hat und somit wie der Blick (ein schweizer Pendant der deutschen Bild-Zeitung) titelt keine Schweizerin ist. Außerdem ist der deutsche Literaturwissenschaftler Peter Büttner auf eine 50 Jahre ältere deusche Vorlage gestoßen, welcher sich Johanna Spyri bedient haben könnte. Sie handelt von Adelaide, die wie Adelheid (wie Heidi mit Taufnamen heißt) von ihrer Heimat in den Bergen fortgeholt wird und nachdem sie Heimweh bekommt zurückkehren darf.
Diese Affäre hat sich in den Boulevardzeitungen und Fernsehsendungen derartig hochgeschaukelt, daß sich auch die größte Schweizer Tageszeitung, die Neue Züricher Zeitung, genötigt sah, heute in ihrem Feuileton einen längeren Artikel dazu zu verfassen.
Zu finden ist er unter: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die_maer_vom_ur-heidi_1.5448506.html
Vernichtend werden alle Gegenargumente mit höchst wissenschaftlicher Attitüde geschlagen und das Heidi als Nationalheldin zurückerobert.
Eine schöne Geschichte ist es allemal, die von Spyri und die vom Streit um die Vorwürfe des Plagiats. Daß dieser Fall eine solche Aufregung hervorruft, mag befremden oder belustigen, er zeigt jedoch auch, wie wichtig hierzulande die Abgrenzung zu Deutschland zu sein scheint und wie sehr man die Vereinnahmung von Schweizer Persönlichkeiten durch die größeren Nachbarstaaten gewohnt ist. Beispiele sind unter anderem Dürrenmatt, Le Corbusier oder Giacometti.
Nein, nicht Wilhelm Tell, der tapfere Schweizer. Der ist von dem Deutschen Friedrich Schiller verewigt worden, also keine genuin schweizerische Nationalliteratur. Das liebe kleine Almmädel Heidi hat es getroffen, welches von Johanna Spyri 1880 und 1881 mit "Heidis Lehr- und Wanderjahre" und "Heidi kann brauchen, was es gelernt hat" bekannt wurde. Nicht genug, daß dieses Buch, welches das Leben in den Schweizer Bergen idealisiert, als erstes im deutschen Gotha verlegt wurde und die Erstausgabe daher mit einigen Hochdeutschen/Schriftdeutschen Änderungen erschienen ist, die erste Verfilmung stammt auch noch aus den USA und die bekannteste ist nicht etwa eine der schweizer oder wenigstens der deutschen Versionen, nein, ein japanischer Zeichentrickfilm hat den größten Erfolg bis heute.
In der vergangenen Woche kommt es noch härter. Es stellt sich gar heraus, daß die Schauspielerin der schweizer Heidifilme der 50er Jahre einen deutschen Vater hat und somit wie der Blick (ein schweizer Pendant der deutschen Bild-Zeitung) titelt keine Schweizerin ist. Außerdem ist der deutsche Literaturwissenschaftler Peter Büttner auf eine 50 Jahre ältere deusche Vorlage gestoßen, welcher sich Johanna Spyri bedient haben könnte. Sie handelt von Adelaide, die wie Adelheid (wie Heidi mit Taufnamen heißt) von ihrer Heimat in den Bergen fortgeholt wird und nachdem sie Heimweh bekommt zurückkehren darf.
Diese Affäre hat sich in den Boulevardzeitungen und Fernsehsendungen derartig hochgeschaukelt, daß sich auch die größte Schweizer Tageszeitung, die Neue Züricher Zeitung, genötigt sah, heute in ihrem Feuileton einen längeren Artikel dazu zu verfassen.
Zu finden ist er unter: http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/literatur/die_maer_vom_ur-heidi_1.5448506.html
Vernichtend werden alle Gegenargumente mit höchst wissenschaftlicher Attitüde geschlagen und das Heidi als Nationalheldin zurückerobert.
Eine schöne Geschichte ist es allemal, die von Spyri und die vom Streit um die Vorwürfe des Plagiats. Daß dieser Fall eine solche Aufregung hervorruft, mag befremden oder belustigen, er zeigt jedoch auch, wie wichtig hierzulande die Abgrenzung zu Deutschland zu sein scheint und wie sehr man die Vereinnahmung von Schweizer Persönlichkeiten durch die größeren Nachbarstaaten gewohnt ist. Beispiele sind unter anderem Dürrenmatt, Le Corbusier oder Giacometti.
Nachtreise - 15. Apr, 21:32
812 mal gelesen